Der Missbrauch der armenischen Geschichte

Der Deutsche Bundestag hat sich schließlich in einer Resolution dafür ausgesprochen die Deportation und die Vertreibung der Armenier von 1915 als Völkermord zu betrachten. Nun war dies schon lange von Armenien, Menschenrechtlern und oppositionellen Kräften in der Türkei gefordert. Nun wurde dieser Schritt vom Bundestag unter großer nationaler und internationaler Beobachtung tatsächlich begangen. Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Vize-Bundeskanzler Sigmar Gabriel haben sich der Abstimmung durch Nicht-Anwesenheit entzogen und insbesondere die politische Führung der Türkei hat die Resolution bereits im Vorfeld kritisiert. Deutschland liegt in dieser Frage weit zurück, denn bereits viele andere Staaten haben den Völkermord an den Armeniern anerkannt.

Die Besonderheit der Armenier

Die Besonderheit an Armenien und der armenischen Minderheit in der Türkei liegt zum einen an ihrer geographischen Lage und schlichtweg ihrer Religion. Der religiöse Bezugspunkt für die Armenier liegt nämlich an ihrer antiken Christianisierung. Armenier und Georgier sind als christlich-geprägte Völker seit dem Mittelalter umrandet von Gruppen, die einer anderen Religion anhängen. Nichtsdestotrotz besaßen die Armenier im Osmanischen Vielvölkerreich grundlegende Freiheiten, die es ihnen ermöglichte ihre Religion frei auszuüben.

SiedlungArmenier

Bild 1: Siedlungsgebiet der Armenier

Das armenische Siedlungsgebiet erstreckte sich von Anatolien bis zum Kaukasus, wo das heutige Armenien liegt. Der wachsende Nationalismus gefährdete den Zusammenhalt des osmanischen Reiches und die Spannungen zwischen den Völkern nahmen zu. Es waren zunächst die Armenier, die dies spüren sollten. Ihre politischen und religiösen Freiheiten wurden schrittweise beschnitten, dabei waren es insbesondere zwei Entwicklungen ausschlaggebend.  Zum einen entstand gerade in Anatolien eine Rivalität zu den Kurden und zum anderen wurden einige armenische Splittergruppen durch Russland ermutigt für ihre Unabhängigkeit zu kämpfen. Mit dem Beginn des Krieges verstärkten sich die osmanischen Ressentiments gegenüber den Armeniern. Ausschlaggebend hierfür waren Gerüchte von Sabotageakten durch Armeniern, sowie deren Freude über die osmanischen Niederlagen, denn immer wieder schlossen sich armenische Splittergruppen den siegreichen russischen Soldaten an. 1915 entluden sich schließlich die Spannungen. Kurdische Truppen entwaffneten armenische Truppenverbände um diese danach wehrlos zu erschießen.  Infolgedessen erging das Deportationsgesetz, welches vorschrieb, dass die Armenier in wenigen Orten konzentriert werden sollten. Von dort aus wurden Männer, Frauen und Kinder auf Gewaltmärsche gesandt an deren Ende die wenigen Überlebenden von türkischen Soldaten und kurdischen Hilfstruppen erschossen wurden. Als Ziel der Umsiedlung wurde zwar Aleppo angegeben, doch die Deportierten sollten niemals ankommen. In Gewaltmärschen wurden die Armenier langsam dezimiert. Allerdings konnten weder Unterlagen, welche die Massaker bezeugten, als auch Bestrebungen Unterkünfte in Aleppo für die Armenier zu schaffen, gefunden werden.

Die Schwäche der Völkermord-Definition

Die UN definiert einen Völkermord als eine gewollte und gezielte Auslöschung von einer Gruppe von Menschen, die sich als Ethnie versteht oder als Ethnie verstanden wird. Die Stärke der Definition erkennt man daran, dass bereits der Versuch  Geburten zu verhindern oder selbst der Versuch eine Ethnie auszulöschen als Völkermord bezeichnet wird. Allerdings geht hiermit auch eine Schwäche einher, nämlich die Absicht eines Völkermords. Sobald die Handlungen eine Gruppe teilweise oder ganz zu zerstören gewollt durchgeführt wird, wird bereits von Völkermord gesprochen. Doch diese Absicht muss erst bewiesen werden, was sich in den meisten Fällen als schwierig erweist, da Dokumente und belegte Hinweise zuteil gezielt vernichtet werden. Eben dies liegt im geschilderten Fall vor. Befehlsschreiben und Dokumente existierten entweder nicht oder verschwanden gezielt. Allerdings lässt sich ebenfalls darlegen, dass es keine Bemühungen gab die Armenier tatsächlich umzusiedeln, so bot der Gouverneur von Aleppo dem Sultan an, Häuser für die Vertriebenen zu bauen, was von der osmanischen Regierung abgelehnt wurde.

Karte der Taten.jpg

Bild 2: Deportationen und Massaker

Damit bleiben letzten Endes beide Seiten einen abschließenden Beweis schuldig, dass die Gräueltaten das Ziel hatten die armenische Ethnie und Kultur ausnahmslos zu vernichten. Nichtsdestotrotz gibt es zahlreiche Bilddokumente und gesicherte Geschichten der Massaker an armenischen Frauen, Kindern und Männern, die die Brutalitäten und die Gräuel der osmanischen Behörden dokumentieren. Die entsetzlichen Fotos zeugen von der Vertreibung, den Morden und der schieren Unmenschlichkeit die ihren Schrecken nicht verloren haben. Wie viele Menschen den Tod erlitten wurde abschließend nie eindeutig geklärt. Eine Gutmachung wurde nie geleistet.

Warum gerade jetzt?

Schon früher gab es  Bemühungen des Bundestages die Deportation der Armenier als Völkermord anzuerkennen, die allerdings nie konsequent verfolgt wurden. Nun über 100 Jahre nach der Vertreibung  hat der Bundestag schließlich beschlossen die Gräueltaten als Völkermord anzuerkennen. Ziel ist es die Türkei zu ermutigen sich selbst mit der Geschichte zu befassen und die politische und kulturelle Feindschaft zwischen Armeniern und Türken zu beenden. Besonders wird dabei auf die Verantwortung des Deutschen Reiches verwiesen. Nichtsdestotrotz wird diese Resolution nun auch von einigen Kräften instrumentalisiert, wobei hier weniger auf den starken Nationalismus im Osmanischen Reich und auch auf den gewachsenen Nationalismus in der heutigen Türkei hingewiesen wird, sondern vielmehr auf die religiöse Kluft. Dabei waren die religiösen Unterschiede 1915 gar nicht ausschlaggebend für die Differenzen zwischen Armeniern, Kurden und Türken, denn der Nationalismus sollte als verbindendes Element das bröckelnde Großreich retten. Insbesondere während einer öffentlichen Debatte in Deutschland, in welcher die AfD sich immer wieder auf religiöse Unterschiede konzentriert und eine friedlichen Koexistenz zwischen „christlichem Abendland“ und „muslimischen Morgenland“ abstreitet, funktioniert diese Resolution als Öl im Feuer. Dies wird nochmals durch den harschen Ton des türkischen Präsidenten Erdogan verstärkt. Immer wieder drohte dieser mit Konsequenzen sollte der Bundestag diese Resolution endgültig verabschieden.  Die ohnehin schon angespannten Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Türkei werden durch die Verabschiedung dieser  Resolution nochmals gefährdet.

Yerevan_Gedenkmal

Bild 3: Denkmal in Yerevan

Anstatt die Anerkennung des Völkermords als Kritik am damaligen politischen System  zu verstehen, erkennt die türkische Regierung es als Kritik an der heutigen Türkei.  Selbstverständlich kann gefragt werden, ob es wirklich nötig war dieses heikle Thema in der derzeitigen Lage anzusprechen. Gerade da die türkische Reaktion recht vorhersehbar war. Durch die Reduzierung des Völkermords auf die religiöse Komponente rücken die eigentlichen Gräuel zugunsten von Islamophobie und Nationalismus in den Hintergrund.  Diese Entwicklung wird weder den Armeniern noch den Türken gerecht.

Quellen:

Die Presse: Was als Umsiedlung begann

Frankfurter Rundschau: Gedenken an die Opfer des Genozids

Heute.de: Völkermord: Das schwierige Bekenntnis

HPG: Armenien

Spiegel Online: Türkische Kritik an Armenien-Resolution: “Die AfD wird gestärkt”

Stuttgarter Nachrichten: Türkei ruft Botschafter nach Völkermord-Resolution zurück

Tagesspiegel: Gibt es einen richtigen Zeitpunkt für eine Armenien-Resolution?

Unique: Kurden und der armenische Völkermord: eine eindeutige Geschichte?

Bildquellen:

Karte der Gräueltaten 1915-1917

Yerevan: Denkmal für die ermordeten Armeniern

Karte des armenischen Siedlungsgebietes im Osmanischen Reich

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