Westsahara – Vergessene Sahara

In Europa hat sich in den letzten Jahrzehnten die Tradition herausgebildet Konflikte zu vergessen. Beispiele dafür ist die deutsch-französische Konfliktlinie, genauso wie der Antagonismus zwischen Deutschland und Polen. Allerdings eignet sich dieses Vorgehen zweifelsohne nicht für alle Streitigkeiten, denn in Europa ist das Vergessen eng mit dem europäischen Einigungsprozess verbunden. Dennoch werden Konflikte zuteil einfach völlig ignoriert und gerieten von der internationalen Staatengemeinschaft und den Gesellschaften einfach in Vergessenheit. Dies ist im Falle der Westsahara tatsächlich geschehen.

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Vier Möglichkeiten die Westsahara auf Karten darzustellen: 1) Westsahara als unabhängiges Gebiet 2) Westsahara als von Marokko verwaltetes Territorium 3) Der Westen der Westsahara als Teil Marokkos 4) Westsahara als Teil Marokkos

Wer ältere Karten von Afrika, dem Maghreb oder der Sahara ansieht, kann manchmal noch sehen, dass an der Westküste der Sahara ein eigenes Gebiet zu sehen ist, das im Norden von Marokko und Algerien, sowie im Süden und Osten von Mauretanien begrenzt wird. Neuere Karten hingegen zeigen entweder keine Grenze zu Marokko mehr oder zumindest eine schraffierte Grenze. Dies soll zeigen, dass die Westsahara von Marokko aus verwaltet wird. Um diesen Sachverhalt verständlich zu erkennen, muss zwangsläufig ein Blick in die Geschichte des trockenen Wüstengebietes geworfen werden.

Missglückte Dekolonisierung – erneut

Das Gebiet war schon früh von berberischen Nomadenstämmen besiedelt und vermischte sich nach dem Eintreffen des Islams mit arabischstämmigen Siedlern. Erst zu Beginn des Kolonialen Zeitalters gewann das karge Gebiet der Westsahara für Spanien an Bedeutung. Die Häfen wurden zum einen als Sklavenmärkte und als Fischereihäfen benutzt. Die Absprachen auf der Berlin Konferenz von 1884 weitete die spanische Kontrolle auf das gesamte westsaharische Territorium aus. Um Ressourcen zu sparen und um die Verteidigung sowie Verwaltung einfacher zu gestalten wurde das Territorium unter die Kontrolle von Spanisch-Marokko gestellt. Mit den Unabhängigkeitsbewegungen in den Kolonialterritorien, bröckelte auch die spanische Herrschaft in Nordafrika. Während Spanien infolge des Befreiungskampfes durch die saharauische Befreiungsfront „Frente Polisario“ 1974 ein Unabhängigkeitsreferendum versprach, meldeten Mauretanien und Marokko historische Ansprüche auf das Territorium an. Algerien hingegen als historischer Rivale Marokkos unterstütze die Unabhängigkeitsbewegung im westsaharischen Gebiet, ebenso wie der Internationale Gerichtshof. Mit der Dekolonisierung und den vertraglichen Abschlüssen unzufrieden setzte Marokko ab hier nicht mehr auf vertragliche Lösungen. Der marokkanische König Hassan II. initiierte den berühmten „Grünen Marsch“ um die Träume des „Grand Maroc“ endlich wahrzumachen. Trotz internationaler und besonders spanischer Proteste marschierten im November 1975 etwa 350.000 unbewaffnete marokkanische Frauen und Männer  vom südlichen Marokko in die (noch-)spanische Kolonie ein. Der im Sterben liegende spanische Diktator Francisco Franco konnte trotz diplomatischer Proteste und der Androhung der bewaffneten Grenzverteidigung den Marsch nicht aufhalten. Allerdings muss auch erwähnt werden, dass sich unter den unbewaffneten Marschierenden auch 35.000 Soldaten und Polizisten waren und ohnehin schon wenige Tage vor dem „Grünen Marsch“ marokkanische Truppen eingerückt waren. Als sich Spanien im Februar 1976 schließlich aus der Westsahara zurückzog, stimmte eine Versammlung saharauischer Stammesfürsten für die Aufteilung in einen marokkanischen und mauretanischen Teil.

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Der “Grüne Marsch” wird auf der 100 Dirham Banknote als Nationalereignis dargestellt

Die Frente Polisario hingegen rief bereits einen Tag später die Demokratische Arabische Republik Sahara aus. Die beiden okkupierenden Staaten hingegen nahmen die Zustimmung der Stammesfürsten als stellvertretend für alle Saharauis an und rückten sowohl mit Militär als auch mit Siedlern ein. Die Polisario hingegen nahm die geschaffenen Tatsachen nicht an und schon bald entbrannten in allen Landesteile Kämpfe, wobei die Polisario sowohl finanziell als auch logistisch stark von Algerien unterstützt wurde. Aufgrund dieses blutig geführten Kriegs verzichtete Mauretanien ab 1979 auf alle Ansprüche. Allerdings blieb die Polisario nicht erfolgreich gegen die marokkanische Armee, denn diese wurde immer weiter nach Osten in die Wüste gedrängt. 1991 wurde der offene Kampf zwischen Marokko und Polisario durch einen von der UN verhandelten Waffenstillstand beendet. Dabei versprach der UN-Sicherheitsrat die Polisario weiter zu unterstützen sollte diese die Kampfhandlungen einstellen.

Ein Wall aus Sand und Minen

Um den überfallartigen Angriffen der Polisario etwas entgegenzusetzen hat Marokko mitten in der Wüste den Marokkanischen Wall aufgebaut. Inzwischen reicht der etwa drei Meter hohe Sandwall ganze 2500 Kilometer weit. Ergänzend zum geographischen Hindernis, wird der Wall durch Stacheldraht, Minenfeldern und Wachsoldaten verstärkt. 90% der Einwohner Westsaharas leben zwischen dem Wall und der Küste, wodurch sie von Marokko verwaltet und regiert werden, während die Polisario und ihre Anhänger  derweil in der „Freien Zone“ leben.

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Der marokkanische Wall wird durch Sand, Felsen, Stacheldraht, Soldaten und Minen geschützt. Jedes Jahr sterben hunderte von Menschen durch die ausgelegten Minen

Da diese aber nicht annähernd genug Ressourcen für die Einwohner bietet lebt der Großteil der Unterstützer der Frente Polisario und der Demokratischen Arabischen Republik Sahara in mehreren Flüchtlingslagern nahe der algerischen Stadt Tindouf. Dort werden diese seit 1976 von dem UN Flüchtlingshilfswerk, der EU und anderen nichtstaatlichen Organisationen versorgt. Obwohl die Zahlenangaben stark variieren kann davon ausgegangen werden das über 150.000 Saharauis in diesen Lagern leben. Eine Parallelgesellschaft losgelöst von Westsahara, Algerien und Marokko.Erschwert wird die heikle Lage damit, dass der Grenzwall ein Durchkommen unmöglich gemacht hat, wodurch manche Familien sich seit über 30 Jahren nicht gesehen haben und ganze Familien und Freundschaften auseinander gerissen wurden.

Keine Hoffnung in Sicht

Doch warum hat sich seit 1991 nichts für die Polisario verändert? Dies liegt zum einen an der Veto-Haltung Marokkos und zum anderen am Desinteresse der Weltöffentlichkeit. Zwar wurde die Demokratische Arabische Republik Sahara von ca. 50 Staaten anerkannt und wurde als Mitglied der Afrikanischen Union aufgenomen– worauf Marokko mit dem Austritt aus der AU reagierte – doch konnte sich nicht auf ein Verfahren geeinigt werden. Die UN verlangt zwar ein Referendum über die Zukunft des Landes, doch während Marokko allen Einwohnern Westsaharas das Stimmrecht vergeben möchte, verweigert die Polisario Siedlern, die nach 1975 eingewandert sind das Stimmrecht. Diese Weigerung ergibt sich nämlich aus der Siedlungspolitik Marokkos. Nach dem grünen Marsch und der Verwaltungsübernahme durch die marokkanische Regierung wurden gezielt Siedler für die Westsahara angeworben. Selbst bis heute haben sich die beiden Seiten nicht einigen konnten, obwohl Marokko zwischenzeitlich die Autonomiemöglichkeit für Westsahara anbot. Als Vertreter UNO ist die Mission MINURSO in der Westsahara stationiert. Diese soll sowohl den Waffenstillstand überwachen, als auch ein Referendum über die Zukunft der Westsahara einleiten. Die Erfolge der Mission sind trotz des seit 17 Jahre dauernden Waffenstillstands überschaubar.

Die Zukunftsaussichten sind bescheiden

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Die Flagge der Frente Polisario steht gleichzeitig für die Demokratische Arabische Republik Sahara

Die Zukunft für eine unabhängige Westsahara sieht nicht vielversprechend aus. Die Polisario hat sich trotz der gebrochenen Versprechen der UN und der Weltgemeinschaft an den Waffenstillstand gehalten, während Marokko die Integration der westsaharischen Gebiete in den letzten Jahrzehnten vorantrieb. Die vier verschiedenen Flüchtlingslager auf algerischem Boden werden von der Polisario selbst verwaltet und sogar regiert. Die Polisario bezeichnet sich als überparteipolitische Organisation, die einzig darauf abzielt die Selbstbestimmung für die Saharauis zu erkämpfen, doch hat sie angegeben im Falle einer Unabhängigkeit als Partei in einem Mehrparteiensystem zu arbeiten oder falls die Mitglieder es fordern sich auflösen wird. Statt auf militärische Lösungen, Guerilla-Aktionen oder Terroranschläge setzt Polisario immer noch auf die Diplomatie. Allerdings haben sich in den letzten Jahren Bewegungen innerhalb der Polisario gebildet, die zum bewaffneten Kampf aufrufen. Da der nordafrikanische Zweig Al-Kaidas bereits geographisch in der Nähe ist, verweisen Experten immer wieder darauf, dass der Konflikt und die Tausenden von Flüchtlingen in der Wüste mit ihrem Begehren nicht mehr ignoriert werden können. Sollte es Al-Kaida, oder dem ISIS tatsächlich gelingen islamistisches Gedankengut in die Flüchtlingslager und in die Frente Polisario zu tragen wären die Konsequenzen nicht abzusehen. Noch immer unterstützen viele westliche Staaten die Ansprüche Marokkos, darunter ragt gerade Frankreich besonders heraus. Das Frankreich starke wirtschaftliche und politische Verbindungen zu Marokko hat ist nur wenig überraschend. In Marokko wird Kritik am Status der Westsahara geahndet und mit Gefängnis, Verfolgung und Folter bestraft.

Wie lange die Polisario tatsächlich noch bereit ist friedlich auf eine Lösung zu warten ist nicht abzusehen. Weder die EU, noch die Afrikanische Union, noch die UNO hat in den letzten Jahren Anstrengungen unternommen zu einer Lösung zu gelangen. Der Konflikt mag von Europa und der Welt vergessen sein, doch weder die Saharauis noch die Polisario hat die Landnahme vergessen – oder vergeben.

Quellen:

bpb:Vor 40 Jahren: “Grüner Marsch” nach Westsahara

deutschlandradiokultur: Der vergessene Aufstand der Sahrauis

Deutschlandfunk: Ein diplomatisches Fiasko für die UNO

Die ZEIT: Neuer Streit um die letzte Kolonie Afrikas

Frankfurter Rundschau: Maghrebinisches Dilemma

SRF: Besetzung der Westsahara

Remove the Wall

taz: Marokko setzt auf Eskalation

The Western Sahara Conflict. The Role of Natural Resources in Decolonisation

UN-Advisory Opinion

Western Sahara

Bildquellen:

Karte der Westsahara

100 Dirham Banknote

Marokkanischer Wall

Karte der Frente Polisario

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