Osten gegen Westen gegen Norden gegen Süden im Zentrum

Zunächst soll hier ein kurzes Experiment durchgeführt werden. Was ist an folgenden Aussagen auffallend? Denn immer wieder wird in großen Zeitungen und Medien folgende Formulierung gelesen:

Immer Ärger mit dem Osten: Nach Ungarn gleitet auch Polen in die                 Autokratie ab – und das restliche Europa kann kaum mehr tun, als zuzusehen. Oder hat es doch Möglichkeiten zur Sanktionierung? […] Das ist keine beruhigende Perspektive angesichts dessen, was sich derzeit im Osten Europas abspielt: Die dortigen Staaten profitieren massiv von der Gemeinschaft, fünf der sieben größten Nettoempfänger von EU-Geldern liegen in Osteuropa.

Spiegel Online am 11.01.2017

Die Medien osteuropäischer EU-Länder sind derzeit voller derartiger Schlagzeilen. Auch Politiker in der Region empören sich. Es sei “inakzeptabel und erniedrigend”, wenn Lebensmittelkonzerne unter demselben Namen schlechtere Ware nach Osteuropa lieferten als in westliche Länder, klagt der slowakische Regierungschef Robert Fico. Und sein ungarischer Amtskollege Viktor Orbán wettert: Es gebe in der EU “doppelte Lebensmittelstandards”, der Osten der EU würde als “zweitrangig abqualifiziert” werden.

Spiegel Online am 08.03.2017

Deutschland, Großbritannien und die USA haben Pläne für eine stärkere Nato-Präsenz gegenüber Russland in Osteuropa auf den Weg gebracht. Insgesamt sollten ab kommenden Jahr 4000 Soldaten in die baltische Staaten und Polen geschickt werden, vereinbarten die Länder am Dienstag beim Treffen der Nato-Verteidigungsminister in Brüssel.

die Tageszeitung am 14.06.2016

In Osteuropa hatte eine ganze Reihe von Äußerungen Trumps Sorgen hervorgerufen: seine abfälligen Kommentare über die Nato, seine Ankündigung, man werde vor einer Verteidigung der baltischen Staaten erst einmal prüfen, ob diese selbst genügend für ihre Sicherheit getan hätten, seine öffentlichen Überlegungen, die Vereinigten Staaten könnten unter seiner Führung die Annexion der Krim durch Russland anerkennen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung am 11.11.2016

All diese Meldungen über „Osteuropa“ bezeichnen „Osteuropa“ ohne sich Gedanken über eine Definition zu machen. Es wird von vornherein angenommen, dass das Baltikum, Polen, Tschechien und andere postsozialistische Staaten Osteuropa bilden. Doch nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, Großbritannien und anderen Staaten werden die postsozialistischen Staaten als „Osteuropa“ bezeichnet. Anders ist es in eben diesen Staaten: Lettland und Estland betonen die kulturellen Ähnlichkeiten zu Schweden und Finnland. Litauen konzentriert sich auf Polen, welches sich ebenso wie Tschechien als Zentraleuropa sieht. Doch warum ist die Selbstwahrnehmung von diesen Staaten so unterschiedlich von der Wahrnehmung von anderen EU-Staaten?  Und weshalb spielt dies eine Rolle?

„Wo bin ich“ wird zu „was bin ich“

Die Selbstwahrnehmung eines Staates ist essentiell für seine Identität und dadurch auch für die Werte die es vertritt.  Die Bedeutung der individuellen Identität und der Werte wird verstärkt durch die Selbstwahrnehmung und Selbstbezeichnung der Europäischen Union als Wertegemeinschaft. Die postsozialistischen Staaten haben sich im Zuge der Europäisierung an eben diesen Werten konzentriert. Die demokratischen und wirtschaftlichen Reformen orientierten sich deutlich an den westlichen (!) Vorbildern .Doch dieser Anschluss an die früheren EU-Staaten ist keine Entwicklung des letzten Jahrzehnts. Litauen, Polen, Ungarn haben eine lange Geschichte an der sie sich immer als Teil Europas und genau in der Mitte des Kontinents betrachteten.

Hereford_Mappa_Mundi_1300

The map of Hereford made around 1300. In the centre is Jerusalem

Wie wichtig die geographische Lage ist erkennt man an mehreren Beispielen. China betrachtete sich als Reich der Mitte. Auf mittelalterlichen Karten ist entweder Rom oder Jerusalem der Mittelpunkt der Welt. Auf arabischen Karten ist es Mekka welches im Zentrum der Welt gelegen ist. Und diese Tradition wird auch in der Moderne weitergeführt. Nach verschiedenen Berechnungen (die eben politisch motiviert sind) liegen die Mittelpunkte Europas in Polen, Tschechien, Deutschland, Ukraine oder in Litauen.

Osteuropa im Osten

Doch wenn die östlichen Nachbarn Deutschlands nicht gleichzeitig auch Osteuropa sind, wo liegt dann Osteuropa – und andersherum: welche Staaten liegen in Osteuropa? Zunächst muss ein Unterschied zwischen der Europäischen Union und Europa gemacht werden. Europa wird als einer der sieben Erdkontinente bezeichnet. Während die meisten anderen Kontinente mit Ozeanen und größeren Gewässern eine klare Abgrenzung haben, gibt es zwischen Asien und Europa keine durchgängige Abgrenzung, weshalb viele Wissenschaftler lieber vom Eurasischen Kontinent sprechen. Zwar wird das Uralgebirge und das kaspische Meer als Grenze des europäischen Kontinents benannt, allerdings sind diese geographischen Barrieren nicht durchgängig und gerade Staaten an der Peripherie, Türkei, Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Russland stehen vor der Frage zu welchem Kontinent diese Staaten wirklich gehören. Nach Osten ist Europa also nicht abgegrenzt, was die Definition für Osteuropa erschwert. Davon abzugrenzen ist die EU, die einen gefestigten politischen Mittelpunkt hat, der seit dem Beitritt Kroatiens in Bayern liegt. Mit dem Austritt Großbritanniens wird sich der Mittelpunkt allerdings deutlich nach Osten hin verschieben. Auch wenn die EU nicht gleichzeitig als Europa gilt, so ist es doch erwähnenswert, dass für die Mitgliedschaft die geographische Lage auf dem Kontinent Europa zwingend ist. Eben diese Argumentation wurde genutzt um Marokkos Mitgliedsanfrage zu verneinen.

Deutschlands Osten ist nicht gleich Europäischer Osten

Um Osteuropa zu definieren können mehrere Komponenten benutzt werden. Da die Geographie bereits angesprochen wurde, soll zunächst darauf eingegangen werden. Auch aufgrund verschiedener norwegischer und russischer Inseln im Polarmeer ist der geographisch festgesetzte Mittelpunkt Europas in Litauen verordnet, was dementsprechend Vilnius zum geographischen Zentrum macht. Östlich von Vilnius liegen Belarus, Russland (welches mit den immer unterschätzten europäischen Weiten sein zusätzliches tut um das Zentrum nach Litauen zu rücken), die Ukraine, Moldawien, sowie die Kaukasusstaaten und der westlichste Teil Kasachstan. Wenn allerdings Litauen tatsächlich als das Zentrum Europas bezeichnet wird, können die skandinavischen Staaten sich nur schwer als „nordische“ Staaten bezeichnen, liegen diese doch auf selber (westlicher!) Höhe wie Litauen, Lettland und Estland. Geographisch lässt sich also nicht behaupten, dass alle postsozialistischen Staaten automatisch Osteuropa sind. Vielmehr liegen die meisten zentraler als Deutschland. Und auch die Geschichtsschreibung erkennt die meisten postsozialistischen Staaten nicht als Osteuropa an, denn die Einteilung im Mittelalter war geprägt vom Gegensatz zwischen Katholizismus und Orthodoxie. Eine religiöse Spaltung, die sich etwa an der heutigen Grenze zwischen der EU und Russland, Belarus und Russland wiederspiegelt. Renaissance, Reformismus und Aufklärung fanden in den orthodox geprägten Staaten nicht statt. In Polen, Litauen und Ungarn ist der katholische Glauben tief verwurzelt. In Lettland und Estland sind Orthodoxe Gläubige die Ausnahme und Lutheraner überwiegen deutlich. Abfällig wurde im 19. Jahrhundert die Region zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und dem Russischen Zarenreich als Zwischeneuropa benannt, um ihre Bedeutungslosigkeit und Abhängigkeit zu betonen.

Heirat im Osten und Westen

Eine interessante These hat der ungarisch-britische Wissenschaftler John Hajnal 1965 aufgestellt. Er stellte fest, dass das Heiratsalter und die Anzahl der ledigen Erwachsenen in Europa deutlich variieren. Die Hajnal-Linie beginnt bei St. Petersburg, durchkreuzt das Baltikum, Polen, Tschechien und Österreich und endet bei Triest, wo es eine leichte Krümmung entlang der Adria gibt. Im Westen der Linie liegt das durchschnittliche Heiratsalter für Frauen bei 23 oder mehr, für Männer bei etwa 26. Die Altersunterschiede sind gering zwischen den Eheleuten. Eine nicht-unbedeutende Menge von Frauen hingegen heiratete erst in ihren 30-ern und 40-ern. Zwischen 10% und 20% heirateten niemals. Diese Befunde stehen in deutlichem Gegensatz zum Osten, wo der Altersunterschied zwischen den Verheirateten zwar größer war, das Alter der Erstheirat jedoch viel jünger war. Auch war die Anzahl von ledigen Personen deutlich geringer. Hajnal führte diese Beobachtung auf mehrere Faktoren, wie ökonomische und kulturelle Unterschiede. Mit dem späteren Heiratsalter wurde auch eine Art Geburtenkontrolle durchgeführt, die gerade in den stark urbanisierten Gegenden nötig war. Wogegen Arbeitskraft in agrarisch dominierten Wirtschaften dringend benötigt war. In der Tat lässt sich feststellen, dass bei guten wirtschaftlichen Verhältnissen Ehen später geschlossen werden, als bei unsicheren. Fest steht auch, dass die Hajnal-Linie hinzugezogen wurde um die gesellschaftliche und kulturelle Fragmentierung in Europa zu beweisen. Allerdings beziehen sich die Befunde bis auf die Mitte des 20. Jahrhunderts und die vielen Ausnahmen, wie Irland, Südspanien und Süditalien, schwächen die Thesen von der Hajnal-Linie als Unterteilungshilfsmittel. Auffallend ist, dass ebenso wie die Gebiete östlich der Grenze genauso wie die besagten westlichen Ausnahmen agrarisch geprägt sind. Gerade in Irland lässt sich dies anhand des Einbruchs während der Großen Hungersnot zeigen. Während und kurz nach dieser, kam es zu immer späteren Hochzeiten. Die gezogene Linie ist also vielmehr auf die wirtschaftlichen Lebensbedingungen zurückzuführen als auf tiefgreifende kulturelle Gründe.

Latiner, Germanen, Slawen und die vielen Anderen

Eine andere oftmals benutzte Unterteilung ist die sprachlich-ethnische Komponente. Während im westlichen Teil Europas alle modernen Sprachen lateinische oder germanische Ursprünge haben, werden polnisch, kroatisch, tschechisch, slowakisch und viele weitere als slawische Sprachen bezeichnet. Allerdings ist auch diese Einteilung zu leicht und übergeht gewillt mehrere Staaten. Weder Litauen, noch Lettland, noch Estland noch Ungarn, noch Albanien, noch Rumänien beziehen sich auf slawische Kultur-und/oder Sprachabstammung. All diese Staaten sind ethnische und sprachliche “Außenseiter” in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft und gehören dementsprechend nicht zum „slawischen“ Osteuropa, würden aber genau in der Mitte von besagtem Osteuropa liegen. Dies würde die geographische Bezeichnung „Ost“ ad absurdum führen.

Geteiltes Europa gemeinsam

Die oft von Medien als Osteuropa sprechenden Staaten können also weder sprachlich, geographisch oder kulturell als Osteuropa zusammengefasst werden. Der Grund für die Benennung kommt aus dem Ost-West-Konflikt und wurde zur Abgrenzung vom kapitalistisch-demokratischen Westen benutzt. Osteuropa begann dabei nicht erst an der Oder, sondern vielmehr bereits an der innerdeutschen Grenze. Die Verwendung desselben Begriffes führt heute ebenso zu einer Abgrenzung oder sogar Ausgrenzung dieser Staaten, die seit 2004 größtenteils der EU beigetreten sind. Durch den Begriff wird die Assoziation zur früheren Bezeichnung „wilder Osten“ hergestellt und diese Staaten mit der ehemaligen Sowjetunion und dem heutigen Russland vermischt. Der Osten wird als weitentferntes Objekt benannt. Polen, Litauen und weitere Staaten werden ausgegrenzt und aus der europäischen Gemeinschaft „herausgesprochen“. Dies verstärkt sich umso mehr, dass sich die betreffenden Staaten eben nicht als Osteuropa sehen und um eine Abgrenzung zu diesem Begriff bemüht sind. Es ist Zeit für die deutsche Öffentlichkeit, Politik und Medien der besonderen Verantwortung für diese Staaten wahrzunehmen. Aufgrund der Zwischenkriegszeit, des Zweiten Weltkriegs und der ostdeutschen Geschichte hat Deutschland nicht nur die Verantwortung, sondern auch eine ganz besondere Möglichkeit das westliche Europa mit den neuen Mitgliedsstaaten zu verbinden. Deutschland, dass vor etwa 26 Jahren selbst ein Teil von Osteuropa und gleichzeitig Westeuropa war kann als Mittler auftauchen und damit das zentrale Europa auch zum Zentrum Europas zu machen statt Europa in Osten, Westen, Süden und Norden zu unterteilen.

Quellen:

Bayerisches Historisches Lexikon zu europäisches Heiratsmuster

Der Käse weißer, die Waffeln knuspriger

Europas Problem mit dem Osten

Hereford Map

Mittelpunkt Europas

Osteuropas Angst Amerikas Schutz zu verlieren

Vier Bataillone gegen Russland

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